Was ist Migräne wirklich? Symptome, Ursachen und warum sie so oft unterschätzt wird
Migräne ist eine eigenständige neurologische Erkrankung, die bei jedem anders verläuft – und deshalb oft unterschätzt wird. Ein Grundlagenartikel.
Migräne ist eine eigenständige neurologische Erkrankung – kein besonders hartnäckiger Kopfschmerz und keine Charakterschwäche. Sie unterscheidet sich von Spannungskopfschmerz vor allem durch Begleitsymptome wie Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit sowie den meist einseitigen, pulsierenden Schmerzcharakter. Grundlage ist ein neurologischer Mechanismus rund um das sogenannte trigeminovaskuläre System und den Botenstoff CGRP. Gleichzeitig ist Migräne bei jedem Menschen anders: Manche haben kaum Kopfschmerz, dafür ausgeprägte Aura-Symptome, andere wiederum das genaue Gegenteil. Genau diese Individualität – kombiniert mit hartnäckigen Klischees – sorgt dafür, dass Migräne in Deutschland mit einer hohen Dunkelziffer und oft jahrelang unerkannt bleibt.
Was ist Migräne – und was unterscheidet sie von „normalem“ Kopfschmerz?
Nicht jeder Kopfschmerz ist eine Migräne, und nicht jede Migräne fühlt sich bei jedem Menschen gleich an. Trotzdem gibt es einige Merkmale, die eine Migräneattacke von einem Spannungskopfschmerz unterscheiden:
- Schmerzcharakter: häufig einseitig, pulsierend statt dumpf und beidseitig
- Begleitsymptome: Übelkeit und teils Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit – bei Spannungskopfschmerz meist nicht vorhanden
- Dauer: unbehandelt 4 bis 72 Stunden
- Verstärkung durch Bewegung: normale körperliche Aktivität verschlimmert die Beschwerden häufig zusätzlich
Diese Kriterien orientieren sich an der internationalen Kopfschmerzklassifikation (ICHD-3), die weiterhin die medizinische Referenz für die Diagnosestellung ist. Wichtig zu wissen: Migräne ist keine Befindlichkeit, die man „wegdrücken“ muss, sondern eine von der WHO als stark beeinträchtigend eingestufte Erkrankung.
Die vier Phasen einer Migräneattacke
Migräne verläuft typischerweise in bis zu vier Phasen, auch wenn nicht jede Phase bei jedem Menschen und jeder Attacke gleich stark ausgeprägt ist:
- Prodromalphase (Vorbotenphase): Stunden bis Tage vorher, z. B. Heißhunger, Stimmungsschwankungen, Nackenverspannung, Gähnen
- Aura: bei etwa einem Drittel der Betroffenen, meist Sehstörungen wie Flimmern oder Gesichtsfeldausfälle, seltener Sprach- oder Sensibilitätsstörungen
- Kopfschmerzphase: die eigentliche Attacke, 4 bis 72 Stunden unbehandelt
- Postdromalphase: Erschöpfung, Konzentrationsschwierigkeiten oder „wie gerädert“-Gefühl nach Abklingen der Schmerzen
Viele Betroffene erkennen die Prodromal- und Postdromalphase nicht als Teil der Migräne – dabei hilft gerade dieses Wissen, frühzeitiger zu reagieren und die Attacke nicht erst bei vollem Schmerz wahrzunehmen.
Was im Gehirn passiert: Trigeminovaskuläres System und CGRP einfach erklärt
Der Schmerz bei Migräne entsteht über ein komplexes Zusammenspiel aus Nerven und Blutgefäßen: das trigeminovaskuläre System – die funktionelle Einheit aus Fasern des Nervus trigeminus (dem größten Hirnnerv) und den von ihm innervierten Blutgefäßen der Hirnhäute.
Wird dieses System aktiviert, schütten die Nervenfasern Botenstoffe aus – allen voran CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide). CGRP sensibilisiert die umliegenden Strukturen zusätzlich und löst eine neurogene Entzündungsreaktion aus: Die Blutgefäße weiten sich, werden durchlässiger, umliegendes Gewebe reagiert entzündlich. Genau dieser Mechanismus erklärt, warum moderne Migräne-Medikamente wie CGRP-Antikörper und Gepante genau an diesem Botenstoff ansetzen.
Für dich im Alltag wichtig ist vor allem eines: Dieses Modell erklärt, warum ganz unterschiedliche Faktoren – Stress, Schlafmangel, Hormonschwankungen, Blutzucker – eine Attacke mit auslösen können. Sie wirken vermutlich über eine erhöhte Reizbarkeit dieses Systems, nicht als jeweils eigenständige „Ursache“.
Wie viele Menschen sind betroffen? Die Dunkelziffer verstehen
Die methodisch belastbarste Datengrundlage für Deutschland liefert die RKI-Studie BURDEN 2020: 14,8 % der Frauen und 6,0 % der Männer erfüllen die vollständigen Migränekriterien, bei wahrscheinlicher Migräne liegt die Ein-Jahres-Prävalenz sogar bei 28,4 % der Frauen und 18 % der Männer. Das deckt sich mit gängigen Schätzungen von rund 10 Millionen Betroffenen in Deutschland – von denen viele gar nicht wissen, dass sie Migräne haben.
Zwei Gruppen sind von dieser Dunkelziffer besonders betroffen:
- Männer gehen im Schnitt seltener zum Arzt und ordnen ihre Symptome seltener als Migräne ein.
- Frauen erleben hormonell bedingte Attacken rund um die Menstruation häufig als „eben starkes PMS“ – auch wenn sich die Beschwerden über die Jahre verschlimmern.
Migräne trifft damit überproportional Frauen im Erwerbsalter und ist laut Techniker Krankenkasse die zweithäufigste Ursache für Krankschreibungen. Diese Zahlen zeigen: Du bist mit Migräne nicht die Ausnahme, sondern Teil einer sehr großen, oft unterversorgten Gruppe.
Warum es DIE eine Migräne nicht gibt
Migräne kann sich fast ganz ohne Kopfschmerz äußern, dafür mit ausgeprägter Aura-Symptomatik – oder umgekehrt. Sie kann mit klaren, wiederkehrenden Triggern einhergehen oder ganz ohne erkennbares Muster auftreten. Diese Bandbreite ist kein Widerspruch, sondern Teil der Erkrankung selbst: Verschiedene Unterformen der Migräne unterscheiden sich in Symptomatik und Verlauf zum Teil erheblich – ein Thema, das wir in einer eigenen Folge vertiefen.
Das Fass-Prinzip: Wie individuelle Reizschwellen funktionieren
Ein hilfreiches Bild für diese Individualität ist das eines Fasses: Schlafmangel, unregelmäßige Ernährung, fehlende Bewegung, Stress oder Umweltreize füllen es Stück für Stück. Bei Menschen mit Migräne läuft dieses Fass leichter über als bei anderen – und nicht immer wegen desselben letzten Tropfens. Mal ist es Schlafmangel, mal ein Glas Wein in Kombination mit Stress und einer angeschlagenen Darmgesundheit, mal einfach Überanstrengung. Derselbe Auslöser führt deshalb nicht bei jeder Gelegenheit zu einer Attacke – er wirkt nur, wenn das Fass bereits weit gefüllt ist. Genau deshalb wäre ein pauschaler Tipp wie „achte einfach auf deinen Blutzucker“ fahrlässig: Was bei einer Person entscheidend ist, spielt bei einer anderen kaum eine Rolle.
Wann zum Arzt/zur Ärztin? Warnsignale und Diagnosekriterien
Eine fundierte Selbstreflexion ersetzt keine ärztliche Abklärung. Bestimmte Warnsignale sollten zeitnah ärztlich abgeklärt werden:
- plötzlich einsetzender, sehr starker Kopfschmerz („Donnerschlag-Kopfschmerz“)
- Kopfschmerz mit Fieber, Nackensteifigkeit oder Verwirrtheit
- neu auftretende neurologische Ausfälle (Sprach-, Seh- oder Bewegungsstörungen), die nicht zur bekannten Aura passen
- erstmaliges Auftreten von Migräne-artigen Kopfschmerzen nach dem 50. Lebensjahr
- eine spürbare Veränderung deines gewohnten Kopfschmerzmusters
Auch ohne diese Warnsignale gilt: Wer regelmäßig Kopfschmerzen hat, profitiert von einer ärztlichen Diagnosestellung – insbesondere um Migräne sicher von anderen Kopfschmerzformen abzugrenzen.
Akzeptanz statt Scham: Der erste Schritt
Der erste Schritt aus der Unterschätzung heraus ist nicht Symptombekämpfung, sondern Akzeptanz: das eigene Muster ernst nehmen, offen mit dem eigenen Umfeld kommunizieren, dass Migräne mehr ist als eine Ausrede – und schon vor einer Attacke eigene Grenzen setzen, statt erst mitten im Anfall um Verständnis zu bitten. Migräne zu verstehen bedeutet nicht, sofort alle Antworten zu haben. Es bedeutet, anzufangen, dein eigenes Muster zu erkennen. MigraNovis begleitet dich dabei Schritt für Schritt – wissenschaftlich fundiert, ohne Heilsversprechen, immer ergänzend zur ärztlichen Behandlung, nie an ihrer Stelle.
Häufig gestellte Fragen
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Diagnose oder individuelle Behandlung und stellt keine Handlungsempfehlung für Einzelfälle dar. Bei anhaltenden oder sich verändernden Kopfschmerzen wende dich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt.
- Robert Koch-Institut: Studie BURDEN 2020, Journal of Health Monitoring
- DGN/DMKG: S1-Leitlinie „Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“, aktualisiert 5. September 2025 (AWMF-Registernummer 030/057)
- Internationale Kopfschmerzklassifikation ICHD-3
- Techniker Krankenkasse: Kopfschmerzreport
- Persönliches Gespräch: Melanie Hanisch & Alex, MigraNovis-Podcast, Folge 2 (2026)

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