Migräne oder nur Kopfschmerzen? Woran du den Unterschied erkennst
Migräne ist mehr als starke Kopfschmerzen. Erfahre, was sie neurologisch auslöst, wie sie verläuft und wann du ärztlichen Rat suchen solltest.
Migräne ist eine eigenständige neurologische Erkrankung – kein besonders hartnäckiger Kopfschmerz und keine Charakterschwäche. Sie unterscheidet sich von Spannungskopfschmerz vor allem durch Begleitsymptome wie Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit sowie den meist einseitigen, pulsierenden Schmerzcharakter. Nach Daten des Robert Koch-Instituts erfüllen 14,8 % der Frauen und 6,0 % der Männer in Deutschland die vollen Migränekriterien. Grundlage ist ein neurologischer Mechanismus rund um das sogenannte trigeminovaskuläre System und den Botenstoff CGRP – dazu gleich mehr. Wer versteht, was dabei im Körper passiert, kann eigene Trigger und Ursachenfelder deutlich gezielter einordnen, statt sich ausgeliefert zu fühlen.
Was ist Migräne – und was unterscheidet sie von „normalem“ Kopfschmerz?
Nicht jeder Kopfschmerz ist eine Migräne, und nicht jede Migräne fühlt sich bei jedem Menschen gleich an. Trotzdem gibt es einige Merkmale, die eine Migräneattacke von einem Spannungskopfschmerz unterscheiden:
- Schmerzcharakter: häufig einseitig, pulsierend statt dumpf und beidseitig
- Begleitsymptome: Übelkeit und teils Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit – bei Spannungskopfschmerz meist nicht vorhanden
- Dauer: unbehandelt 4 bis 72 Stunden
- Verstärkung durch Bewegung: normale körperliche Aktivität verschlimmert die Beschwerden häufig zusätzlich
Diese Kriterien orientieren sich an der internationalen Kopfschmerzklassifikation (ICHD-3), die weiterhin die medizinische Referenz für die Diagnosestellung ist. Wichtig zu wissen: Migräne ist keine Befindlichkeit, die man „wegdrücken“ muss, sondern eine von der WHO als stark beeinträchtigend eingestufte Erkrankung.
Die vier Phasen einer Migräneattacke
Migräne verläuft typischerweise in bis zu vier Phasen, auch wenn nicht jede Phase bei jedem Menschen und jeder Attacke gleich stark ausgeprägt ist:
- Prodromalphase (Vorbotenphase): Stunden bis Tage vorher, z. B. Heißhunger, Stimmungsschwankungen, Nackenverspannung, Gähnen
- Aura: bei etwa einem Drittel der Betroffenen, meist Sehstörungen wie Flimmern oder Gesichtsfeldausfälle, seltener Sprach- oder Sensibilitätsstörungen
- Kopfschmerzphase: die eigentliche Attacke, 4 bis 72 Stunden unbehandelt
- Postdromalphase: Erschöpfung, Konzentrationsschwierigkeiten oder „wie gerädert“-Gefühl nach Abklingen der Schmerzen
Viele Betroffene erkennen die Prodromal- und Postdromalphase nicht als Teil der Migräne – dabei hilft gerade dieses Wissen, frühzeitiger zu reagieren und die Attacke nicht erst bei vollem Schmerz wahrzunehmen.
Was im Gehirn passiert: Trigeminovaskuläres System und CGRP einfach erklärt
Der Schmerz bei Migräne entsteht nicht „im Blutgefäß“ allein, wie lange angenommen wurde, sondern über ein komplexes Zusammenspiel aus Nerven und Blutgefäßen: das trigeminovaskuläre System. Dabei handelt es sich um die funktionelle Einheit aus Fasern des Nervus trigeminus (dem größten Hirnnerv) und den von ihm innervierten Blutgefäßen der Hirnhäute.
Wird dieses System aktiviert, schütten die Nervenfasern Botenstoffe aus – allen voran CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide). CGRP sensibilisiert die umliegenden Strukturen zusätzlich und löst eine sogenannte neurogene Entzündungsreaktion aus: Die Blutgefäße weiten sich, werden durchlässiger, umliegendes Gewebe reagiert entzündlich. Genau dieser Mechanismus erklärt, warum moderne Migräne-Medikamente wie CGRP-Antikörper und Gepante genau an diesem Botenstoff ansetzen.
Aktuellere Forschung (Stand 2024) untersucht zusätzlich, wie diese neurogene Entzündung Immunzellen aktiviert und zur Ausschüttung weiterer Entzündungsstoffe (u. a. Interleukine) beiträgt, sowie die Rolle des lymphatischen Systems der Hirnhäute. Für dich im Alltag wichtig ist vor allem eines: Dieses Modell erklärt, warum ganz unterschiedliche Faktoren – Stress, Schlafmangel, Hormonschwankungen, Blutzucker – eine Attacke mit auslösen können. Sie wirken vermutlich über eine erhöhte Reizbarkeit dieses Systems, nicht als jeweils eigenständige „Ursache“.
Wie viele Menschen sind betroffen? Zahlen, Fakten, Dunkelziffer
Die methodisch belastbarste Datengrundlage für Deutschland liefert die RKI-Studie BURDEN 2020:
- 14,8 % der Frauen und 6,0 % der Männer erfüllen die vollständigen Migränekriterien
- Rechnet man wahrscheinliche Migräne mit ein, liegt die Ein-Jahres-Prävalenz bei 28,4 % der Frauen und 18 % der Männer
- 1,2 % sind von chronischer Migräne betroffen (an 15 oder mehr Tagen im Monat)
- Nur eine Minderheit der Betroffenen sucht innerhalb eines Jahres ärztliche Hilfe – die Versorgungsdichte in Deutschland ist niedrig
Migräne trifft damit überproportional Frauen im Erwerbsalter und ist laut Techniker Krankenkasse die zweithäufigste Ursache für Krankschreibungen – mit geschätzt 23 Millionen verlorenen Arbeitstagen pro Jahr. Diese Zahlen zeigen: Du bist mit Migräne nicht die Ausnahme, sondern Teil einer sehr großen, oft unterversorgten Gruppe.
Trigger, Ursachenfelder, Veranlagung – ein erster Überblick
Ein häufiges Missverständnis ist, Migräne habe „die eine“ Ursache. Tatsächlich spielt meist eine Kombination aus mehreren Feldern zusammen:
- Nervensystem & Stress – ein übererregbares, wenig reguliertes Nervensystem als Grundempfindlichkeit
- Schlaf – zu wenig, zu unregelmäßig oder zu schlecht
- Blutzucker & Ernährung – starke Schwankungen, ausgelassene Mahlzeiten
- Hormone & Zyklus – v. a. der Östrogenabfall vor der Menstruation
- Mikronährstoffe – u. a. Magnesium-, Riboflavin- und Coenzym-Q10-Status
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Trigger (dem akuten Auslöser im Moment, z. B. Schlafmangel in der Nacht davor) und Ursachenfeld (der zugrunde liegenden Empfindlichkeit, die diesen Trigger überhaupt wirksam werden lässt). Genau diese Unterscheidung vertiefen wir im nächsten Artikel dieser Reihe.
Wann zum Arzt/zur Ärztin? Warnsignale und Diagnosekriterien
Eine fundierte Selbstreflexion ersetzt keine ärztliche Abklärung. Bestimmte Warnsignale sollten zeitnah ärztlich abgeklärt werden:
- plötzlich einsetzender, sehr starker Kopfschmerz („Donnerschlag-Kopfschmerz“)
- Kopfschmerz mit Fieber, Nackensteifigkeit oder Verwirrtheit
- neu auftretende neurologische Ausfälle (Sprach-, Seh- oder Bewegungsstörungen), die nicht zur bekannten Aura passen
- erstmaliges Auftreten von Migräne-artigen Kopfschmerzen nach dem 50. Lebensjahr
- eine spürbare Veränderung deines gewohnten Kopfschmerzmusters
Auch ohne diese Warnsignale gilt: Wer regelmäßig Kopfschmerzen hat, profitiert von einer ärztlichen Diagnosestellung, insbesondere um Migräne sicher von anderen Kopfschmerzformen abzugrenzen und die passende Akut- und ggf. Prophylaxetherapie zu besprechen.
Der erste Schritt: Wie du anfängst, dein eigenes Muster zu verstehen
Migräne zu verstehen bedeutet nicht, sofort alle Antworten zu haben. Es bedeutet, anzufangen, dein eigenes Muster zu erkennen: Wann treten Attacken auf? Was ging in den Tagen davor bei dir anders? Welche Ursachenfelder könnten bei dir eine Rolle spielen? MigraNovis begleitet dich dabei Schritt für Schritt – wissenschaftlich fundiert, ohne Heilsversprechen, immer ergänzend zur ärztlichen Behandlung, nie an ihrer Stelle.
Häufig gestellte Fragen
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Er dient der allgemeinen Wissensvermittlung und ersetzt kein persönliches Gespräch mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer Heilpraktikerin/einem Heilpraktiker.
- Robert Koch-Institut: Studie BURDEN 2020, Journal of Health Monitoring
- DGN/DMKG: S1-Leitlinie „Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“, aktualisiert 5. September 2025 (AWMF-Registernummer 030/057)
- Internationale Kopfschmerzklassifikation ICHD-3
- Techniker Krankenkasse: Kopfschmerzreport
- Fachliteratur zu trigeminovaskulärem System und CGRP-Pathophysiologie (interne Recherchedokumentation)

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